Als Thomas zum ersten Mal mit seinem 360-Grad-Feedback konfrontiert wurde, glaubte er an einen Fehler. „Distanziert”, „schwer zugänglich”, „wirkt häufig ungeduldig” – so beschrieb ihn sein Team. Thomas, der sich selbst als direkt, effizient und lösungsorientiert sah, konnte diese Wahrnehmung nicht nachvollziehen. „Ich sage doch nur, wie es ist”, verteidigte er sich im Coaching-Gespräch. „Genau das ist das Problem”, antwortete seine Coach.
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Sie illustriert ein Phänomen, das unser gesamtes Leben durchzieht: die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild, zwischen dem, wer wir glauben zu sein, und dem, wie wir tatsächlich wirken. Unser Selbstbild ist wie eine Brille, durch die wir die Welt filtern – nur bemerken wir die Brille selbst nicht. Wir halten unsere gefilterte Wahrnehmung für die Realität.
In einer Zeit, in der Authentizität zum Buzzword geworden ist und Selbstoptimierung allgegenwärtig scheint, wird eine Frage existenziell: Wie können wir authentisch sein, wenn wir nicht wissen, wer wir wirklich sind? Oder präziser: Wenn unser Bild von uns selbst möglicherweise eine gut konstruierte Illusion ist?
Das menschliche Selbstbild ist kein statisches Konzept, sondern ein komplexes, dynamisches Konstrukt, das auf drei fundamentalen Säulen ruht: dem Selbstkonzept, dem Selbstwert und der Selbstwirksamkeit.
Das Selbstkonzept ist die Gesamtheit unserer Überzeugungen über uns selbst – unsere Persönlichkeitsmerkmale, Fähigkeiten, Rollen und Werte. Es ist die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?”. Dieses Konzept entwickelt sich früh in der Kindheit und wird kontinuierlich durch Erfahrungen, soziale Interaktionen und kulturelle Prägungen geformt. Ein Kind, das wiederholt hört „Du bist so kreativ”, internalisiert Kreativität als Teil seiner Identität. Eine Führungskraft, die in ihrer Karriere als „Problemlöserin” erfolgreich war, definiert sich über diese Fähigkeit.
Der Selbstwert beschreibt die emotionale Bewertung unseres Selbstkonzepts – wie viel Wert wir uns selbst zuschreiben. Menschen mit hohem Selbstwert betrachten sich als grundsätzlich wertvoll und kompetent, unabhängig von situativen Erfolgen oder Misserfolgen. Menschen mit niedrigem Selbstwert hingegen koppeln ihren Wert stark an externe Bestätigung und Leistung.
Die Selbstwirksamkeit, ein Konzept des Psychologen Albert Bandura, bezieht sich auf unsere Überzeugung, bestimmte Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können. Sie ist spezifischer als der allgemeine Selbstwert und kontextabhängig. Sie können eine hohe Selbstwirksamkeit in beruflichen Verhandlungen haben, aber eine niedrige, wenn es um sportliche Herausforderungen geht.
Neuropsychologisch betrachtet ist unser Gehirn ein „Story-Maker” – es konstruiert kontinuierlich narrative Zusammenhänge, um unsere Erfahrungen in ein kohärentes Selbstbild zu integrieren. Diese Geschichten sind nicht objektiv, sondern selektiv und interpretativ. Wir erinnern uns bevorzugt an Ereignisse, die unser bestehendes Selbstbild bestätigen, und interpretieren ambivalente Situationen so, dass sie in unsere Selbsterzählung passen.
Hier liegt auch der Unterschied zwischen „Ich bin” und „Ich zeige”: Das, was wir nach außen präsentieren – unsere Persona im Sinne C.G. Jungs – ist oft eine kuratierte Version unseres Selbstbildes, angepasst an soziale Erwartungen und professionelle Kontexte. Das authentische Selbst, mit all seinen Widersprüchen, Unsicherheiten und verborgenen Aspekten, bleibt häufig im Schatten.
Ein kurzer humorvoller Exkurs: Psychologisch betrachtet leben wir in einem faszinierenden Spannungsfeld. Auf der einen Seite das Impostor-Syndrom – „Ich bin gar nicht so kompetent, wie alle denken, irgendwann fliege ich auf!” Auf der anderen Seite der Dunning-Kruger-Effekt – Menschen mit geringer Kompetenz überschätzen ihre Fähigkeiten massiv. Die ironische Wahrheit? Je kompetenter wir werden, desto mehr zweifeln wir. Die wirklich Ahnungslosen hingegen sind sich ihrer Sache absolut sicher. Willkommen in der menschlichen Psyche.
Unser Selbstbild ist keine passive Eigenschaft – es ist eine aktive Kraft, die bestimmt, welche Entscheidungen wir überhaupt in Betracht ziehen und welche wir treffen.
Nehmen wir den Confirmation Bias, die Tendenz, Informationen so zu suchen, zu interpretieren und zu erinnern, dass sie unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen. Jemand, der sich als „nicht-technisch” sieht, wird technische Probleme eher delegieren oder vermeiden, anstatt sich die Kompetenz anzueignen. Das Selbstbild „Ich bin kein Tech-Mensch” wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.
Das gilt besonders für Risikoverhalten. Menschen mit einem Selbstbild als „vorsichtig” oder „sicherheitsorientiert” werden Chancen, die mit Unsicherheit verbunden sind, systematisch anders bewerten als Menschen, die sich als „mutig” oder „risikofreudig” definieren. Nicht die objektive Risikobewertung bestimmt die Entscheidung, sondern die Frage: „Ist das etwas, das jemand wie ich tun würde?”
Fallbeispiel: Sarah erhält zwei Jobangebote. Angebot A ist eine sichere Position in einem etablierten Unternehmen mit gutem Gehalt. Angebot B ist eine Rolle in einem Start-up mit hohem Potenzial, aber auch Unsicherheit.
Wenn Sarahs Selbstbild lautet „Ich bin jemand, der auf Nummer sicher geht” oder „Ich bin für die finanzielle Stabilität meiner Familie verantwortlich”, wird sie Angebot A bevorzugen – nicht weil es objektiv besser ist, sondern weil es zu ihrer Identität passt. Wenn ihr Selbstbild hingegen lautet „Ich bin eine Gestalterin, die Herausforderungen liebt”, wird Angebot B attraktiver erscheinen.
Die tiefere Frage ist nicht „Was will ich tun?”, sondern „Wer möchte ich sein?” Diese Frage ist mächtiger, als sie zunächst scheint. Sie öffnet den Raum zwischen dem aktuellen Selbstbild und einem möglichen zukünftigen Selbst. Sie erlaubt uns, Identität als veränderbar zu betrachten statt als festgeschrieben.
So kraftvoll ein klares Selbstbild sein kann, so einschränkend kann es werden, wenn es starr und unflexibel ist. Die Psychologin Carol Dweck unterscheidet zwischen einem Fixed Mindset (statischem Selbstbild) und einem Growth Mindset (dynamischem Selbstbild).
Menschen mit einem Fixed Mindset glauben, dass ihre Fähigkeiten und Eigenschaften festgelegt sind. „Ich bin halt kein Zahlenmensch”, „Ich bin einfach nicht kreativ”, „Das liegt mir nicht” – diese Aussagen sind mehr als Beschreibungen, sie sind Identitätsanker. Sie schützen das Selbstbild, indem sie Misserfolge externalisieren („Das passt nicht zu mir”), aber sie verhindern auch Wachstum.
Menschen mit einem Growth Mindset hingegen sehen Fähigkeiten als entwickelbar. Sie sagen nicht „Ich bin nicht gut in Präsentationen”, sondern „Ich bin noch nicht gut in Präsentationen”. Dieses kleine Wort – „noch” – verändert alles. Es hält die Tür zur Veränderung offen.
Selbsterfüllende Prophezeiungen sind ein weiterer Mechanismus, durch den starre Selbstbilder zum Käfig werden. Wer glaubt, in Konflikten immer zu versagen, geht in Konfliktgespräche mit Anspannung und defensiver Haltung – was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass der Konflikt tatsächlich eskaliert. Das Selbstbild bestätigt sich selbst.
Ein Beispiel mit Augenzwinkern: „Ich bin kein Morgenmensch” hat sich als identitätsstiftende Ausrede etabliert. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, sich damit zu schmücken wie mit einem Badge of Honor. Aber ist es wirklich eine unveränderliche Eigenschaft – oder eine bequeme Geschichte, die uns erlaubt, nicht an unseren Schlafgewohnheiten zu arbeiten? Das Selbstbild „Nicht-Morgenmensch” schützt uns vor der Anstrengung, es zu werden. Es gibt uns eine Erklärung für unser Verhalten, die uns von Verantwortung entlastet.
Die Psychologie nennt diesen Mechanismus kognitive Dissonanz-Vermeidung. Wenn Informationen unser Selbstbild bedrohen, erleben wir Unbehagen. Um dieses zu reduzieren, verzerren wir die Informationen, statt unser Selbstbild anzupassen. „Feedback ist nicht akkurat”, „Der andere versteht mich nicht”, „Das war eine Ausnahmesituation” – all diese Rationalisierungen dienen dem Schutz unserer Selbstwahrnehmung.
Wenn Selbstwahrnehmung so verzerrt ist, wie können wir dann überhaupt ein realistisches Bild von uns selbst entwickeln?
Die Drei-Perspektiven-Methode ist ein praktischer Ansatz, um blinde Flecken zu erhellen:
Perspektive 1: Wie sehe ich mich selbst? Nehmen Sie sich Zeit, Ihr Selbstbild bewusst zu artikulieren. Schreiben Sie auf:
Perspektive 2: Wie sehen mich andere? Dies erfordert Mut. Fragen Sie Menschen, denen Sie vertrauen – Kollegen, Partner, Freunde:
Perspektive 3: Wer möchte ich sein? Diese Frage löst sich vom Ist-Zustand und öffnet den Raum für Entwicklung:
Die Diskrepanzen zwischen diesen drei Perspektiven sind keine Fehler – sie sind Informationsquellen. Sie zeigen, wo unser Selbstbild möglicherweise verzerrt ist, wo wir uns verstellen oder wo ungenutztes Potenzial liegt.
Im zweiten Teil dieser Serie werden wir untersuchen, wie diese individuellen Selbstbilder in der sozialen Welt wirken – insbesondere in Führung und Beziehungen. Denn das Spannende beginnt, wenn Selbstbilder aufeinandertreffen, wenn die innere Bühne einer Führungskraft auf die ihres Teams trifft, wenn Partner mit unterschiedlichen Selbstkonzepten versuchen, zusammen zu navigieren. Dort wird Selbstwahrnehmung zur sozialen Dynamik – mit all ihren Herausforderungen und Chancen.