Was hilft einem Menschen wirklich, sich zu verändern? Carl Rogers, der Begründer des personenzentrierten Ansatzes, gab darauf eine für seine Zeit radikale Antwort: nicht die Technik, nicht der clevere Ratschlag, sondern die Qualität der Beziehung. Drei innere Haltungen sind es, die diese Beziehung tragen. Rogers nannte sie die Basisvariablen. Ich orientiere mich in meiner Arbeit an genau diesem Ansatz, weil ich überzeugt bin, dass es im Gespräch vor allem auf die innere Haltung ankommt.
Dieser Leitfaden führt die drei Basisvariablen zusammen: bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Kongruenz. Für jede findest du, was sie bedeutet, warum sie wirkt und eine Reflexionsübung, mit der du sie bei dir selbst prüfst.
Carl Ransom Rogers, 1902 in den USA geboren, war früh von dem Psychoanalytiker Otto Rank beeinflusst, wandte sich aber von der Psychoanalyse ab und entwickelte die personenzentrierte Gesprächspsychotherapie. 1961 fasste er seine Erkenntnisse im Buch „On Becoming a Person“ zusammen, auf Deutsch „Entwicklung der Persönlichkeit“. Sein Ergebnis: Es braucht nur wenige Basisvariablen, damit Persönlichkeitsentwicklung gelingt.
Die Grundannahme dahinter ist entscheidend. Rogers geht davon aus, dass in jedem Menschen ein Bedürfnis nach konstruktiver Veränderung und Weiterentwicklung angelegt ist, die sogenannte Aktualisierungstendenz. Daraus folgt die ganze Haltung: Der Coach liefert keine Lösungen, er unterstützt die Wachstumskraft, die im anderen bereits vorhanden ist. Der Coachee ist der Experte für sich selbst und weiß am besten, was gut für ihn ist. Rogers war überzeugt: Gelingt es, die richtige Art von Beziehung herzustellen, entdeckt der andere selbst die Fähigkeit, sich darin zu entfalten.
Auch das systemische Coaching baut auf dieser inneren Haltung auf: Der Coach verantwortet die passenden Fragen, hilfreiche Zusammenfassungen und den Ablauf, während der Coachee eigenständige Lösungen für seine Situation findet. Der Coach braucht dafür Geduld, Disziplin und Zeit, damit der andere über sich und sein Anliegen nachdenken kann, auch über Umwege. Diese Haltung gilt längst nicht nur in Therapie und Coaching, sondern überall dort, wo Menschen einander begegnen, auch in der Führung.
Die erste Basisvariable beschreibt Rogers als ein warmes Akzeptieren und Schätzen des anderen als eigenständiges Individuum. Diese Wertschätzung ist an keine Bedingung gebunden, sie ist wert- und urteilsfrei. Das bedeutet nicht, dass jede Handlung gebilligt wird. Es bedeutet, den Menschen trotz seines Verhaltens anzunehmen, so wie er in diesem Moment ist. Und diese emotionale Wärme ist nur echt, wenn sie von innen kommt und tatsächlich gelebt wird.
Aus dieser Haltung folgt eine bewusst nichtwissende, zurückhaltende Grundhaltung des Coaches. Sie führt dazu, dass der Coachee Selbstverantwortung und Eigeninitiative übernimmt, weil er spürt: Nur er selbst weiß am besten, was gut für ihn ist, und nur er ist der Experte für sein eigenes Leben. Genau deshalb gelten Ratschläge in diesem Ansatz als kontraproduktiv. Sie stammen aus der Wirklichkeit des Coaches, nicht aus der des Coachee. Die disziplinierte Zurückhaltung der eigenen Sicht gibt dem anderen erst den Mut, eine eigene, von innen getragene Lösung zu formulieren. Das setzt großes Vertrauen in die Möglichkeiten des anderen und eine hohe Reflexionsfähigkeit voraus.
Diese Grundhaltung wirkt angstmindernd und bestärkt den Menschen darin, an sich selbst zu glauben. Zur Bildung eines guten Selbstwertgefühls braucht es eine wertschätzende Umgebung, die einem etwas zutraut. Es ist die Haltung ich bin ok, du bist ok, die Begegnung auf Augenhöhe. Wenn ein Mensch nur unter Bedingungen wertgeschätzt wird, findet er keinen Zugang zu sich. Wird er bedingungslos angenommen, fallen die Masken, und er braucht keine Mauer zur Verteidigung mehr. Der Coach ist dabei weder Richter noch Schönredner. Er begegnet dem anderen mit Akzeptanz und gibt ihm zurück, was er sieht, ohne zu werten.
Reflexionsübung: Bedingungslose Wertschätzung
Die zweite Basisvariable ist das einfühlende Verstehen: die Welt mit den Augen des anderen zu sehen. Gemeint ist ein Verstehen, das nicht bewertet, nicht direktiv eingreift und keine Ratschläge gibt, sondern mit Fragen und behutsamen Rückmeldungen die Selbstexploration fördert. Der Coach wiederholt nicht nur das Gesagte, er paraphrasiert die Gefühlsaspekte in der Sprache des Coachees und findet Worte für dessen Gefühlswelt, die diese widerspiegeln. Dieses Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte gibt dem anderen die Möglichkeit, sich aus einer neuen Perspektive zu betrachten und sich selbst klarer zu werden.
Ein wichtiges Mittel ist das Pacing: Der Coach nähert sich dem anderen auf natürliche Weise an und nimmt Haltung, Mimik, Sprechtempo und Atemrhythmus behutsam auf. Das setzt präzise Wahrnehmung, Achtsamkeit und Flexibilität voraus. Ebenso wichtig ist die nonverbale Ebene: Stimme und Körperhaltung verändern sich je nach Gefühlslage, und der Coach achtet nicht nur auf das Gesagte, sondern auch auf das, was unausgesprochen mitschwingt.
Wichtig ist die Bescheidenheit dabei: Die Gefahr, missverstanden zu werden, ist groß, deshalb muss der Coach jederzeit bereit sein, sich vom anderen korrigieren zu lassen. Wenn er sich mit seiner ganzen Menschlichkeit einlässt, statt nur seine Werkzeuge einzusetzen, entsteht eine offene, echte Beziehung. Ihre Wirkung: mehr Akzeptanz und weniger Entfremdung. Wer sich wirklich verstanden fühlt, entwickelt eine konstruktivere Haltung sich selbst gegenüber.
Empathie ist als Konstrukt vielschichtiger, als dieser Blick auf die innere Haltung zeigt. Wer den Unterschied zwischen kognitiver und affektiver Empathie und ihre Rolle in der Führung vertiefen will, findet das im vertiefenden Beitrag zur Empathie.
Reflexionsübung: Empathie
Die dritte Basisvariable ist die Echtheit oder Kongruenz. Rogers spricht von Kongruenz, wenn Erfahren, Bewusstsein und Kommunikation übereinstimmen. Der Coach schildert dann seine eigene Wahrnehmung, ohne sie als absolute Wahrheit auszugeben: „Ich nehme wahr, dass mein Gegenüber gerade überfordert ist“ statt „Mein Gegenüber ist überfordert“. Niemand hat den absoluten Zugang zur Wahrheit, jeder kann nur seine Wahrnehmung mitteilen. Fehlt diese Übereinstimmung, spricht man von Abwehr und Verdrängung oder, im Verhältnis zur Kommunikation, von Täuschung. Je größer die Kongruenz beim Coach, desto tragfähiger die Beziehung und das gegenseitige Verständnis.
Echtheit will allerdings dosiert sein. Sie erfordert Fingerspitzengefühl, denn der Coach soll dem anderen nichts vorenthalten, was er wahrnimmt, ihn aber auch nicht kränken. Ob sich der Coachee beschämt fühlt oder sich seiner selbst bewusster wird, hängt entscheidend davon ab, wie der Coach seine Ehrlichkeit zeigt.
„Man sollte die Wahrheit dem Anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann, nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen. „(Max Frisch)
Die Echtheit ist zugleich das schärfste Instrument, das ein Coach besitzt. Sie verhindert, dass das Gespräch zur bloßen Technik und Rolle erstarrt. Das äußere Verhalten muss der inneren Einstellung entsprechen. Genau das braucht Mut und Erfahrung darüber, wie man das Erlebte anspricht, ohne dass der andere sein Gesicht verliert. So lernt der Coachee, sich im eigenen Tempo und in kleinen Schritten sein Verhalten bewusst zu machen und zu reflektieren.
Reflexionsübung: Kongruenz
Die drei Basisvariablen sind keine Techniken, die man nacheinander anwendet, sondern Facetten einer einzigen inneren Haltung. Erst zusammen schaffen sie den sicheren, wachstumsfördernden Raum, in dem sich ein Mensch öffnen und selbst weiterentwickeln kann. Rogers beschrieb sie 1957 als die Bedingungen aufseiten des Begleiters, eingebettet in ein größeres Set von Bedingungen, das er für notwendig und hinreichend für Veränderung hielt.
Ob diese Bedingungen im strengen Sinn hinreichend sind, wird bis heute diskutiert. Viele sehen sie eher als förderlich denn als allein ausreichend, und auch die Methode, nicht nur die Haltung, trägt zum Erfolg bei. Ebenso passt reine Nicht-Direktivität nicht zu jeder Person und jeder Situation. Gut belegt ist aber, dass die Qualität der Beziehung zu den stärksten Wirkfaktoren gelungener Begleitung gehört. Bei den einzelnen Haltungen fällt die Studienlage unterschiedlich aus: Für Empathie ist sie am stärksten, für Wertschätzung solide, für Kongruenz schwächer.
Was Rogers für die therapeutische Beziehung beschrieb, trägt weit darüber hinaus. Wertschätzung, Empathie und Echtheit sind die Grundlage jeder Beziehung auf Augenhöhe, auch der zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Wie sich der personenzentrierte Ansatz auf Führung übertragen lässt, vertieft der Beitrag zu den Grundlagen der personzentrierten Führung. Und wer den weiteren Weg der Veränderung verstehen will, findet ihn in den sieben Prozessphasen nach Rogers.
Wenn du diese Haltung für dich, dein Team oder deine eigene Entwicklung vertiefen möchtest, begleite ich dich gern im Coaching. Hier findest du den Kontakt.
Die Basisvariablen nach Rogers sind einfach zu benennen und anspruchsvoll zu leben. Bedingungslose Wertschätzung nimmt den anderen an, wie er ist. Empathie versteht ihn von innen. Kongruenz begegnet ihm echt. Wird ihm auf Augenhöhe begegnet und fühlt er sich verstanden, erlebt sich der Mensch als selbstwirksam, offener, flexibler und selbstverantwortlich. Die wesentliche Qualität liegt dabei weniger im Wissen und in den Werkzeugen des Coaches als in seiner Haltung. Und diese Haltung wirkt in beide Richtungen.
Der Grad, in dem ich Beziehungen eingehen kann, die die Entfaltung anderer als eigenständige Menschen fördern, entspricht dem Maß der Entfaltung, die ich in mir selbst erreicht habe. (Carl R. Rogers)
Wer sich als Coach oder Führungskraft auf diesen Prozess einlässt, entwickelt sich selbst mit. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Meine Begleitungen waren immer dann am wirksamsten, je mehr ich mich an diese drei Grundprinzipien gehalten habe.
Es sind die drei inneren Haltungen des personenzentrierten Ansatzes: bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Kongruenz. Sie beschreiben, wie der Coach oder Therapeut in Beziehung geht, damit der andere sich öffnen und weiterentwickeln kann.
Rogers nahm an, dass in jedem Menschen ein Bedürfnis nach Wachstum und konstruktiver Veränderung angelegt ist. Aufgabe des Coaches ist nicht, diese Entwicklung zu machen, sondern die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich entfalten kann.
Weil sie aus der Sicht und dem Erleben des Coaches stammen, nicht aus dem des Coachee. Der Ansatz vertraut darauf, dass der Mensch selbst der Experte für sein Leben ist. Zurückhaltung gibt ihm den Raum, eine eigene, tragfähige Lösung zu finden.
Kongruenz ist die Übereinstimmung von Erfahren, Bewusstsein und Kommunikation. Der Coach teilt seine echte Wahrnehmung mit, ohne sie als absolute Wahrheit auszugeben, und bleibt dabei feinfühlig. Fehlt diese Echtheit, wird das Gespräch zur bloßen Technik.
Ja. Wertschätzung, Empathie und Echtheit tragen jede Beziehung auf Augenhöhe, auch die zwischen Führungskraft und Mitarbeiter. Sie sind die Grundlage der personzentrierten Führung.
Norcross, J. C., & Lambert, M. J. (2018). Psychotherapy relationships that work III. Psychotherapy, 55(4), 303 bis 315.
Rogers, C. R. (1957). The necessary and sufficient conditions of therapeutic personality change. Journal of Consulting Psychology, 21(2), 95 bis 103.
Rogers, C. R. (1961). On Becoming a Person. Boston: Houghton Mifflin.
Rogers, C. R. (1973). Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta.
Raddatz, S. (2010). Einführung in das systemische Coaching (4. Auflage). Heidelberg: Carl-Auer.
Über die Autorin
Antoniya Hasenöhrl
15 Jahre Führung, internationale Teams, echter Druck. Heute verbindet Antoniya Hasenöhrl dieses organisationale Wissen mit psychotherapeutischer Tiefe – für Menschen, die nicht nur an der Oberfläche etwas verändern wollen, sondern verstehen möchten, was darunter liegt. Direkt, warmherzig, mit einem Gespür für Klarheit in dem, was sich diffus anfühlt – sie begleitet Menschen und Organisationen zu innerer Klarheit, psychischer Stabilität und sozialer Wirksamkeit, als Grundlage für gesundes Führen, tragfähige Beziehungen und nachhaltige Leistung.
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