Kennst du das? Jemand erzählt dir von einem Problem und du spürst sofort, wie es der Person geht, noch bevor sie fertig gesprochen hat. Bei anderen Menschen dauert das viel länger. Oder es gelingt ihnen kaum.
Das liegt nicht an gutem Willen oder Erziehung. Es liegt daran, dass Empathie messbar unterschiedlich stark ausgeprägt ist – von Mensch zu Mensch. Genau das zeigt der LINC Personality Profiler (LPP), ein wissenschaftlich fundiertes Persönlichkeitsdiagnostik-Tool, das in Coaching und Führungskräfteentwicklung eingesetzt wird.
Interessant wird es, wenn man genauer hinschaut, was Empathie eigentlich ist. Denn die meisten Menschen – auch viele Führungskräfte – verwechseln zwei völlig unterschiedliche Dinge, wenn sie von „Empathie“ sprechen. Das kostet sie mehr, als ihnen bewusst ist.
Empathie ist keine eigene Eigenschaft. Sie ist ein Baustein in einem größeren Muster.
Im LPP ist Empathie eine von sechs Facetten der Dimension Kooperation, mit Sozialer Rationalität als Gegenpol. Wer hoch in dieser Facette liegt, empfindet die Gefühle anderer Menschen selbst nach, trifft Entscheidungen auf Basis dieses Mitfühlens und nimmt starken Anteil am Schicksal der Menschen um sich herum.
Das deckt sich mit einem zentralen Befund der Emotionsforschung: Empathie ist kein einheitliches Konstrukt. Sie zerfällt in zwei Systeme, die im Gehirn unterschiedlich verarbeitet werden.
Zwei Empathie-Systeme, ein Missverständnis
Kognitive Empathie bedeutet: verstehen, was in jemandem vorgeht, ohne es selbst zu fühlen. „Ich sehe, was du meinst.“
Affektive Empathie bedeutet: die Emotion des anderen tatsächlich mitfühlen. „Ich fühle deinen Schmerz.“
Genau das beschreibt die LPP-Facette Empathie: die affektive Variante – starkes Mitfühlen, Entscheidungen, die davon beeinflusst werden. Der Gegenpol, Soziale Rationalität, verzichtet bewusst auf diesen Einfluss von Mitleid oder Sentimentalität.
Führungsforschung zeigt: Beide Formen haben ihre Berechtigung, aber unterschiedliche Wirkung. Kognitive Empathie unterstützt klare, objektive Entscheidungen. Affektive Empathie schafft Vertrauen und echte Verbindung – ist aber ohne Regulation anfällig für emotionale Erschöpfung.
Ein Beispiel aus der Coaching-Praxis
Eine Führungskraft, mit der ich gearbeitet habe, hatte Empathie als stärkste Facette in ihrem Profil. Ihr Team beschrieb sie als die Person, „die es einfach merkt, wenn’s einem nicht gut geht“ – ohne dass jemand etwas sagen musste. Genau diese Fähigkeit machte sie zu einer außergewöhnlich guten Moderatorin in Konflikten und Gruppenprozessen.
Gleichzeitig berichtete sie: Personalentscheidungen, die andere Menschen hart treffen, fielen ihr besonders schwer. Sie sah in jeder Entscheidung das menschliche Schicksal dahinter und schob wichtige, aber unangenehme Entscheidungen häufiger vor sich her, als ihr guttat.
Das ist kein Einzelfall. Es ist die logische Konsequenz einer stark ausgeprägten affektiven Empathie ohne ausreichenden Gegenpol.
Was die Forschung zur Kehrseite sagt
Studien zur sogenannten Compassion Fatigue – emotionaler Erschöpfung durch dauerhaftes Mitfühlen – zeigen: Menschen mit hoher affektiver Empathie erleben deutlich häufiger Erschöpfungssymptome, wenn ihre Fähigkeit zur Emotionsregulation nicht mithält. Sie übernehmen die Gefühle anderer, statt sie nur zu erkennen. Der entscheidende Schutzfaktor ist dabei nicht weniger Empathie – sondern eine bessere Fähigkeit, zwischen dem eigenen Gefühl und dem Gefühl des anderen zu unterscheiden.
Genau das beschreibt auch die zweite relevante LPP-Facette in diesem Zusammenhang: Altruismus versus Selbstfürsorge. Hohe Selbstfürsorge bedeutet, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und sich gut von den Problemen anderer abgrenzen zu können. Ohne sie wird aus Empathie schleichend Selbstaufgabe.
Mehr zur Fähigkeit, eigene und fremde Gefühlszustände zu unterscheiden (Mentalisierung)
Was du konkret trainieren kannst
→ Muster statt Einzelfälle erkennen: aus wiederkehrenden Beobachtungen ableiten, wie Menschen insgesamt ticken – das schärft kognitive Empathie, ohne jedes Mal affektiv „mitzugehen“
→ Innehalten vor der Reaktion: die kurze Pause zwischen „ich merke, wie es dir geht“ und „ich handle danach“ ist der Moment, in dem Regulation stattfindet
→ Grenzen aktiv benennen: Menschen mit hoher Empathie-Facette merken oft, dass andere mehr erwarten, als sie geben können. Das aussprechen, statt es stillschweigend zu leisten
→ Empathie auch nach innen richten: dieselbe Fähigkeit, die für andere da ist, auch für die eigenen Bedürfnisse nutzen
Genau hier setzt Selbstbehauptung an. Mehr dazu: selbstbild.com/selbstbehauptung
Warum das kein Soft-Skill-Thema ist
Empathie beeinflusst nachweislich, ob jemand als Führungskraft akzeptiert wird, wie effektiv Führung wahrgenommen wird und wie ein Team insgesamt performt. Das ist keine nette Zusatzqualifikation. Das ist ein Wirkfaktor. Aber nur, wenn er bewusst gesteuert wird – nicht dem Zufall überlassen.
Empathie ohne Abgrenzung führt zu Erschöpfung. Abgrenzung ohne Empathie führt zu Distanz. Die eigentliche Führungskompetenz liegt dazwischen: verstehen, ohne sich zu verlieren.
Der LINC Personality Profiler macht sichtbar, wie diese Facetten bei dir zusammenwirken und wo gezielte Entwicklung ansetzt.
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Über die Autorin
Antoniya Hasenöhrl
15 Jahre Führung, internationale Teams, echter Druck. Heute verbindet Antoniya Hasenöhrl dieses organisationale Wissen mit psychotherapeutischer Tiefe – für Menschen, die nicht nur an der Oberfläche etwas verändern wollen, sondern verstehen möchten, was darunter liegt. Direkt, warmherzig, mit einem Gespür für Klarheit in dem, was sich diffus anfühlt – sie begleitet Menschen und Organisationen zu innerer Klarheit, psychischer Stabilität und sozialer Wirksamkeit, als Grundlage für gesundes Führen, tragfähige Beziehungen und nachhaltige Leistung.
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