Sie ist die Erste, die im Krisenmodus einen klaren Kopf behält. Ihre Ideen bringen das Team weiter, in der schwierigen Verhandlung läuft sie zur Höchstform auf. Und dieselbe Führungskraft verliert sich in Terminen, verschiebt die Quartalsplanung bis zur letzten Minute und fürchtet den Freitagnachmittag, an dem die liegen gebliebene Administration sie einholt. Das ist kein Widerspruch, und es ist kein Charakterfehler. Für viele Menschen mit ADHS ist es Alltag. Und in Führungsrollen tritt genau dieses Muster besonders deutlich hervor.
Dieser Beitrag schaut nüchtern auf ADHS und Führung. Er zeigt dir, was ADHS im Erwachsenenalter wirklich ist, warum die Stärken real, aber kein Selbstläufer sind, und wie du mit den richtigen Rahmenbedingungen aus einer diffusen Belastung einen belastbaren Arbeitsstil machst. Für dich selbst, wenn du dich wiedererkennst, und für die Menschen, die du führst.
ADHS ist eine neurobiologisch begründete Entwicklungsstörung der Selbststeuerung, nicht ein Mangel an Disziplin oder Interesse. Sie verschwindet nicht mit dem Erwachsenwerden. Übersichtsarbeiten schätzen, dass grob die Hälfte bis zwei Drittel der als Kind Betroffenen im Erwachsenenalter noch beeinträchtigende Symptome tragen, auch wenn nicht mehr alle diagnostischen Kriterien erfüllt sind. Bezogen auf alle Erwachsenen erfüllen nach Metaanalysen etwa 2,5 Prozent die vollen Kriterien einer anhaltenden ADHS. Die beiden Zahlen widersprechen sich nicht, sie beschreiben verschiedene Gruppen: einmal den Anteil unter allen Erwachsenen, einmal den Verbleib bei ehemals betroffenen Kindern.
Das Bild verändert sich mit dem Alter. Die sichtbare Zappeligkeit weicht oft einer inneren Unruhe. Was bleibt, sind Unaufmerksamkeit und die Schwierigkeiten der Selbstorganisation. Genau deshalb ist der gängige Name irreführend. Führende Fachleute wie Russell Barkley beschreiben ADHS im Kern nicht als Aufmerksamkeitsdefizit, sondern als Störung der Selbststeuerung und der exekutiven Funktionen, also jener Steuerungsleistungen des Gehirns, die uns priorisieren, planen, Aufgaben beginnen, die Zeit im Blick behalten und Impulse hemmen lassen. Neuere Forschung ordnet auch die emotionale Regulation als Teil dieses Bildes ein. Bei Erwachsenen zeigt sich ADHS deshalb seltener als sichtbare Hyperaktivität und häufiger als Ringen mit Struktur, Zeit und Aufgabenabschluss.
Ein zweiter Punkt ist wichtig: ADHS wird bei Erwachsenen häufig übersehen, besonders bei Frauen. Wer als Kind nicht störte, sondern still träumte, bekam oft nie eine Erklärung für die eigenen Kämpfe. Viele kompensieren jahrelang mit hohem Kraftaufwand, bis eine neue Anforderung, etwa der Aufstieg in eine Führungsrolle, das System an seine Grenze bringt.
Der Aufstieg belohnt oft genau die Stärken, die mit ADHS einhergehen können: Tatkraft, Ideen, Präsenz in der Krise. Doch mit der Rolle verschiebt sich die Anforderung. Führung besteht zu einem großen Teil aus dem, was den exekutiven Funktionen am schwersten fällt: langfristig priorisieren, vorausschauend planen, Termine und Zusagen zuverlässig halten, Meetings strukturieren, unter Druck emotional ausbalanciert bleiben und die unauffällige, aber endlose Administration bewältigen.
Je höher die Position, desto mehr Selbststeuerung wird vorausgesetzt und desto weniger äußere Struktur ist vorgegeben. Was einen Menschen befördert hat, kann ihn in der neuen Rolle also ausbremsen. Das erklärt, warum viele erst spät und ausgerechnet auf dem Höhepunkt ihrer Karriere merken, dass etwas nicht rund läuft.
Rund um ADHS und Unternehmertum ist eine Stärken-Erzählung entstanden, und sie hat einen wahren Kern. Die Forschung von Johan Wiklund und Kolleginnen beschreibt, wie sich Merkmale von ADHS produktiv nutzen lassen. Impulsivität übersetzt sich in Handlungsbereitschaft unter Unsicherheit, dort wo andere zögern. Hyperaktivität kann als hohe Arbeitskapazität wirken. Und Hyperfokus, die Fähigkeit, sich in ein fesselndes Thema vollständig zu versenken, bringt bei der richtigen Aufgabe außergewöhnliche Tiefe und Ausdauer. Dazu kommen häufig Kreativität und ein Denken, das ungewohnte Verbindungen herstellt.
Kernbefund
Die Stärken sind real, aber kein Selbstläufer. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt: Hyperaktivität und Impulsivität hängen mit unternehmerischer Aktivität zusammen, nicht aber mit dem späteren Erfolg der Gründung. Unaufmerksamkeit wirkt sich auf Ergebnisse sogar eher negativ aus. Stärken nutzen heißt also, sie zu rahmen, nicht sie zu romantisieren.
Diese Ehrlichkeit ist entscheidend. Jede Stärke kippt ins Gegenteil, wenn sie unkontrolliert läuft. Hyperfokus auf das falsche Thema frisst genau die Energie, die anderswo fehlt. Handlungsdrang ohne Filter wird zu Doppelbuchungen und halb fertigen Projekten. Die Kunst liegt nicht darin, sich zusammenzureißen, sondern darin, die Bedingungen so zu gestalten, dass die Stärken dorthin fließen, wo sie wirken, und die Schwächen von außen aufgefangen werden. Genau das ist der Übergang zum nächsten Punkt.
Das Leitprinzip lautet: exekutive Funktionen auslagern. Wer schwach im inneren Zeitgefühl ist, verlässt sich nicht auf Willenskraft, sondern baut die Struktur nach außen, in Systeme, Umgebung und Beziehungen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern kluges Selbstmanagement. Konkret heißt das:
Die andere Seite: Vielleicht hast du ADHS nicht selbst, sondern führst einen Menschen, der so tickt. Vieles, was ihm hilft, ist schlicht gute Führung, nur konsequenter angewandt. Ein systematischer Überblick zu Anpassungen für neurodivergente Beschäftigte legt nahe, dass klare Rahmen mehr bewirken als guter Wille allein.
Menschen mit ADHS scheitern selten am Können und oft an fehlender Struktur. Wer den Rahmen liefert, holt die Stärke hervor, die vorher unter der Reibung verborgen lag.
Ein umfassendes Bild gehört dazu. ADHS kommt selten allein. Ein großer Teil der Erwachsenen mit ADHS trägt mindestens eine weitere psychische Diagnose, am häufigsten Depression und Angststörungen, oft auch anhaltende Erschöpfung. Das ist gerade unter Führungsdruck relevant, denn die Symptome überlagern sich. Konzentrationsprobleme etwa treten auch bei einer Depression auf. Genau deshalb braucht es eine qualifizierte Abklärung, die ADHS von anderen Ursachen unterscheidet, statt vorschnell ein Etikett zu vergeben.
Dazu kommt eine emotionale Dimension, die oft übersehen wird. Wer erst als Erwachsener eine Diagnose bekommt, hat meist Jahre hinter sich, in denen die eigenen Schwierigkeiten als Faulheit, Schusseligkeit oder mangelnder Wille gedeutet wurden, von anderen und von einem selbst. Diese lange Selbstabwertung hinterlässt Spuren im Selbstwert. Eine späte Diagnose bringt deshalb oft beides zugleich: Erleichterung, endlich eine Erklärung zu haben, und Trauer über das, was unter falschen Vorzeichen schwer war. Hier setzt Psychoedukation an, das Verstehen der eigenen Funktionsweise, und ein wohlwollender Blick auf die eigene Geschichte.
Sich in einer Beschreibung wiederzuerkennen ist kein Ersatz für eine Diagnose. In Deutschland ist die ADHS im Erwachsenenalter eine klinische Diagnose, die nach der S3-Leitlinie gestellt wird, in der Regel durch Fachärztinnen und Fachärzte oder psychologische Psychotherapeuten und gestützt auf ein strukturiertes Interview. ADHS gilt als gut behandelbar, meist multimodal aus mehreren Bausteinen: Psychoedukation, die die Leitlinie ausdrücklich als Basisstrategie aller Maßnahmen empfiehlt, konkrete Strategien und, wo medizinisch angezeigt, Medikation, über die ärztlich entschieden wird.
In dieses Bild gehört auch Coaching, mit einer ehrlichen Einordnung der Evidenz. Ein Forschungsüberblick über neunzehn Studien findet Hinweise, dass Coaching Symptome und exekutive Funktionen verbessern kann, allerdings sind nur drei dieser Studien randomisiert kontrolliert. Eine aktuelle prospektive Studie zeigt für ein strukturiertes Coaching über zwölf Sitzungen mittlere bis große Effekte auf Symptome, exekutive Funktionen und Alltagsbewältigung, sie ist aber einarmig, also ohne Kontrollgruppe, und misst nur vorher und nachher. Solche Designs können Wirkung nahelegen, aber keine Ursache beweisen. Die Evidenz ist also ermutigend und zugleich noch jung. Coaching ist weder Therapie noch Diagnostik. Sein Platz ist ein anderer: Es übersetzt Einsicht in tragfähige Strukturen im Alltag und arbeitet konsequent von den Stärken her.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik oder Behandlung.
ADHS und Führung sind kein Widerspruch. Sie verlangen zwei Bewegungen, die zusammengehören. Die eine ist, die Stärken zu nutzen, ohne sie zu verklären: Tatkraft, Hyperfokus und Ideenreichtum sind echte Vorteile, wenn sie gelenkt werden. Die andere ist, Rahmenbedingungen zu schaffen, die von außen tragen, damit die schwierigen Aufgaben nicht an der Selbststeuerung scheitern. Es geht nicht darum, ein anderer Mensch zu werden. Es geht darum, die Bedingungen so zu bauen, dass deine Art zu denken für dich arbeitet und nicht gegen dich.
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und systemischer Coach mit Schwerpunkt ADHS bei Erwachsenen begleite ich dich dabei, deine Stärken gezielt einzusetzen und tragfähige Rahmenbedingungen zu bauen, im Selbstmanagement wie in der Führungsrolle.
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Über die Autorin
Antoniya Hasenöhrl
15 Jahre Führung, internationale Teams, echter Druck. Heute verbindet Antoniya Hasenöhrl dieses organisationale Wissen mit psychotherapeutischer Tiefe – für Menschen, die nicht nur an der Oberfläche etwas verändern wollen, sondern verstehen möchten, was darunter liegt. Direkt, warmherzig, mit einem Gespür für Klarheit in dem, was sich diffus anfühlt – sie begleitet Menschen und Organisationen zu innerer Klarheit, psychischer Stabilität und sozialer Wirksamkeit, als Grundlage für gesundes Führen, tragfähige Beziehungen und nachhaltige Leistung.
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