Der Jahresbeginn ist der ideale Zeitpunkt für Führungskräfte, um neue Ziele zu definieren – sowohl für sich selbst als auch für ihr Team. Doch oft bleiben ambitionierte Pläne nur gute Vorsätze, die schnell im Alltag untergehen. Was macht den Unterschied Der Jahresbeginn ist der klassische Moment, an dem Führungskräfte Ziele definieren, für sich und für ihr Team. Doch die meisten dieser Vorsätze versanden im Alltag. Woran liegt das? Selten am fehlenden Willen. Fast immer daran, dass Ziele vage formuliert, falsch gesetzt oder nicht nachverfolgt werden. Dabei ist Zielsetzung keine Frage des Bauchgefühls, sondern eine der am besten erforschten Disziplinen der Arbeitspsychologie.
Dieser Leitfaden zeigt, warum klare Ziele überhaupt wirken, wo populäre Methoden wie SMART an ihre Grenzen kommen, und wie du als Führungskraft Ziele so setzt, dass sie tatsächlich erreicht werden. Inklusive der Nebenwirkungen, die kaum jemand anspricht.
Bevor wir über gute Ziele sprechen, lohnt der Blick auf die typischen Fehler. Ziele scheitern meist an einer von drei Ursachen: Sie sind zu vage („Ich möchte ein besserer Leader sein“), sie sind unrealistisch („Wir verdoppeln den Umsatz in drei Monaten“), oder es fehlt ein Plan zur Umsetzung („Wir sollten mehr Feedbackgespräche führen“). Alle drei haben gemeinsam, dass sie keine Handlung auslösen. Und genau da setzt die Forschung an.
Die Zielsetzungstheorie von Edwin Locke und Gary Latham gehört zu den robustesten Befunden der Organisationspsychologie, gestützt auf hunderte Studien über mehrere Jahrzehnte. Ihr Kernergebnis ist erstaunlich klar: Spezifische und herausfordernde Ziele führen zu deutlich höherer Leistung als vage Vorsätze oder das gut gemeinte „Gib dein Bestes“. Der Grund ist, dass klare, anspruchsvolle Ziele die Aufmerksamkeit bündeln, die Anstrengung erhöhen, die Ausdauer verlängern und dazu anregen, passende Strategien zu entwickeln.
Wichtig ist die zweite Hälfte der Theorie: Ziele wirken nur unter bestimmten Bedingungen. Sie brauchen Commitment, also echtes Einverständnis der Beteiligten, sie brauchen Feedback über den Fortschritt, sie müssen zur Komplexität der Aufgabe passen, und die nötigen Fähigkeiten und Ressourcen müssen vorhanden sein. Fehlt eine dieser Bedingungen, verpufft selbst das am besten formulierte Ziel. Für Führungskräfte heißt das: Ein Ziel zu setzen ist der leichte Teil. Die Bedingungen dafür zu schaffen, ist die eigentliche Führungsarbeit.
Die bekannteste Methode zur Zielformulierung ist SMART. Sie ist ein nützliches Merkschema, aber sie ist eine Praxishilfe, nicht die wissenschaftliche Grundlage. Die eigentliche Evidenz liefert die Zielsetzungstheorie oben. SMART hilft trotzdem, Ziele konkret zu machen:
Ein Beispiel: „Ich führe bis Ende März mit jedem Teammitglied ein individuelles Entwicklungsgespräch, um Karriereziele und Weiterbildungswünsche festzulegen.“
Ein Vorbehalt gehört dazu: Das R für realistisch wird oft als „bequem erreichbar“ missverstanden. Die Forschung zeigt aber, dass gerade herausfordernde Ziele die Leistung treiben. Realistisch sollte also „anspruchsvoll, aber machbar“ heißen, nicht „anspruchslos“.
Was in den meisten Ratgebern fehlt: Ziele haben dokumentierte Nebenwirkungen. In einer vielbeachteten Arbeit warnten Ordóñez und Kollegen (2009) davor, Zielsetzung wie ein rezeptfreies Medikament zu überdosieren. Zu eng oder zu aggressiv gesetzte Ziele können den Blick verengen, sodass alles ausgeblendet wird, was nicht auf die Kennzahl einzahlt. Sie können zu übermäßiger Risikobereitschaft führen, die intrinsische Motivation untergraben und im schlimmsten Fall unethisches Verhalten begünstigen.
Das prominenteste Beispiel ist der Vertriebsskandal einer großen US-Bank, deren aggressive Verkaufsziele dazu führten, dass Mitarbeiter millionenfach Konten ohne Wissen der Kunden anlegten. Das Ziel wurde erreicht, das Unternehmen ruiniert. Für Führungskräfte ist die Lehre klar: Zahlenziele brauchen Leitplanken. Frage bei jedem Ziel nicht nur, ob es erreichbar ist, sondern auch, welches Verhalten es unbeabsichtigt belohnt.
Ein weiterer Befund ist für Führungskräfte besonders praktisch. Bei neuen oder komplexen Aufgaben, bei denen noch niemand den Weg kennt, wirken reine Ergebnisziele oft schlechter als sogenannte Lernziele. Seijts und Latham zeigten, dass ein Ziel wie „Steigere den Umsatz um zwanzig Prozent“ auf unbekanntem Terrain unter Druck setzt, ohne den Weg zu weisen, während ein Lernziel wie „Entwickle und teste drei Strategien, um die Kundenbindung zu verbessern“ zu besseren Ergebnissen führt. Die Faustregel: Für Bekanntes eignen sich Ergebnisziele, für Neues Lernziele.
Aus der Theorie folgt eine überschaubare Zahl von Prinzipien, die im Alltag den Unterschied machen.
Formuliere Ziele konkret und ambitioniert, aber am Nutzen orientiert, nicht am Aktionismus. Frage: Welchen konkreten Nutzen bringt das Ziel für Team und Unternehmen? Statt „Mehr Umsatz generieren“ also „Wir verbessern den Kundenservice und steigern die Wiederkaufrate um zehn Prozent bis Jahresende“. Statt „Bessere Teamarbeit“ lieber „Wir führen eine wöchentliche Feedback-Runde ein, um die Zusammenarbeit gezielt zu verbessern“.
Mehr Ziele bedeuten nicht mehr Fortschritt, sondern verwässerten Fokus. Moderne Rahmenwerke wie OKR setzen deshalb auf wenige ambitionierte Ziele mit messbaren Schlüsselergebnissen. Ein hilfreicher Nebeneffekt: Wer ambitionierte Ziele bewusst von der Leistungsbeurteilung trennt, verringert den Druck, der sonst zu den oben beschriebenen Fehlanreizen führt.
Commitment entsteht nicht durch Verordnung. Beziehe dein Team in den Zielsetzungsprozess ein, denn wer mitgestaltet, identifiziert sich stärker und übernimmt eher Verantwortung. Verknüpfe dabei die übergeordneten Unternehmensziele transparent mit den individuellen Zielen, damit jeder versteht, warum ein Ziel gesetzt wird und welchen Beitrag er leistet.
Ziele ohne Rückmeldung sind wirkungslos, das gehört zum harten Kern der Zielsetzungstheorie. Plane regelmäßige Check-ins ein, mach Fortschritte und kleine Erfolge sichtbar und gib konstruktives Feedback zum Weg. Wie das gelingt, vertieft der Leitfaden zur Kunst des Feedbacks. Sichtbare Etappenerfolge stärken zugleich die Selbstwirksamkeit, also die Überzeugung, das Ziel aus eigener Kraft erreichen zu können.
Brich jedes Ziel in konkrete Maßnahmen herunter und mach die Umsetzung verbindlich. Ein bewährtes Werkzeug sind Wenn-dann-Pläne: Statt „Ich will regelmäßiger Feedback geben“ formulierst du „Wenn Freitagmittag ist, dann führe ich mit einem Teammitglied ein kurzes Feedbackgespräch“. Solche Vorsätze erhöhen die Umsetzungsquote nachweislich deutlich. Plane außerdem feste Zeitpunkte für Reflexion und Anpassung ein, denn Ziele sind nicht in Stein gemeißelt. Wer flexibel nachjustiert, hält das Team auf Kurs, ohne in Frust zu verfallen.
Ziele und Motivation hängen eng zusammen. Ziele, die im Einklang mit den Werten und Interessen des Teams stehen und die herausfordernd, aber erreichbar sind, geben der Arbeit einen Sinn, der über das Tagesgeschäft hinausreicht. Wie Motivation im Kern funktioniert, also das Zusammenspiel von innerer und äußerer Motivation und den psychologischen Grundbedürfnissen, ist ein Thema für sich. Vertieft wird es im Leitfaden zur Motivation in der Führung.
Ziele mit dem eigenen Team zu entwickeln, sie herausfordernd und zugleich sicher zu gestalten und die Umsetzung über Monate zu begleiten, ist anspruchsvolle Führungsarbeit. In Führungskräfte-Coaching und Workshops lässt sich dieser Prozess strukturieren, und mit einer fundierten Standortbestimmung wie dem LINC Personality Profiler wird sichtbar, welche Stärken und Motive im Team wirken. Wenn du das für dich oder dein Team angehen willst, findest du hier den Kontakt.
Ziele zu setzen ist einfach, sie umzusetzen erfordert Klarheit und Disziplin. Die Forschung ist eindeutig: Spezifische, herausfordernde Ziele wirken, aber nur mit Commitment, Feedback und einem realistischen Blick auf Aufgabe und Ressourcen. Wer wenige, wirkungsvolle Ziele gemeinsam entwickelt, den Fortschritt sichtbar macht und die Nebenwirkungen zu enger Zahlenziele im Blick behält, macht aus guten Vorsätzen nachhaltige Erfolge. Und die Abschlussfrage bleibt dieselbe wie am Jahresanfang: Welche drei konkreten Ziele möchtest du dir als Führungskraft setzen? Schreib sie auf, und schaffe die Bedingungen, unter denen sie gelingen.
Es ist spezifisch und herausfordernd, aber mit den vorhandenen Ressourcen machbar. Dazu braucht es das Einverständnis der Beteiligten, regelmäßiges Feedback zum Fortschritt und einen konkreten Umsetzungsplan. Ohne diese Bedingungen bleibt selbst ein gut formuliertes Ziel wirkungslos.
SMART ist ein gutes Merkschema, um Ziele konkret zu formulieren, aber nicht die ganze Wahrheit. Es sagt nichts über Commitment, Feedback oder Priorisierung. Und das „realistisch“ sollte nicht mit „anspruchslos“ verwechselt werden, denn gerade herausfordernde Ziele treiben die Leistung.
Ja. Zu enge oder zu aggressive Ziele können den Blick verengen, die innere Motivation untergraben, zu übermäßigem Risiko und im Extremfall zu unethischem Verhalten führen. Deshalb brauchen Zahlenziele Leitplanken und die Frage, welches Verhalten sie unbeabsichtigt belohnen.
Entwickle Ziele gemeinsam, statt sie zu verordnen. Verknüpfe die Unternehmensziele transparent mit den individuellen Aufgaben, plane regelmäßige Check-ins ein und mach Etappenerfolge sichtbar. Wer mitgestaltet, identifiziert sich stärker und übernimmt eher Verantwortung.
Brich sie in konkrete Maßnahmen herunter und nutze Wenn-dann-Pläne, die einen Auslöser mit einer Handlung verknüpfen. Plane feste Zeitpunkte für Reflexion und Anpassung ein und mach die Umsetzung verbindlich, für dich selbst und für das Team.
Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. New York: Freeman.
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Ordóñez, L. D., Schweitzer, M. E., Galinsky, A. D., & Bazerman, M. H. (2009). Goals gone wild: The systematic side effects of overprescribing goal setting. Academy of Management Perspectives, 23(1), 6 bis 16.
Seijts, G. H., & Latham, G. P. (2005). Learning versus performance goals: When should each be used? Academy of Management Executive, 19(1), 124 bis 131.
Gollwitzer, P. M. (1999). Implementation intentions: Strong effects of simple plans. American Psychologist, 54(7), 493 bis 503.
Doran, G. T. (1981). There’s a S.M.A.R.T. way to write management’s goals and objectives. Management Review, 70(11), 35 bis 36.
Doerr, J. (2018). Measure What Matters: OKRs, the Simple Idea That Drives 10x Growth. New York: Portfolio.
Über die Autorin
Antoniya Hasenöhrl
15 Jahre Führung, internationale Teams, echter Druck. Heute verbindet Antoniya Hasenöhrl dieses organisationale Wissen mit psychotherapeutischer Tiefe – für Menschen, die nicht nur an der Oberfläche etwas verändern wollen, sondern verstehen möchten, was darunter liegt. Direkt, warmherzig, mit einem Gespür für Klarheit in dem, was sich diffus anfühlt – sie begleitet Menschen und Organisationen zu innerer Klarheit, psychischer Stabilität und sozialer Wirksamkeit, als Grundlage für gesundes Führen, tragfähige Beziehungen und nachhaltige Leistung.
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