Achtsamkeit ist in den letzten Jahren zu einem Modewort geworden. Es steht auf Teepackungen, in Kalendern und in Werbeversprechen. Dahinter verschwindet leicht, dass es ein sorgfältig entwickeltes und gut erforschtes Programm gibt, das Achtsamkeit in Medizin und Psychologie etabliert hat: Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz MBSR, auf Deutsch Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Dieser Beitrag erklärt, was Achtsamkeit im Sinne von MBSR bedeutet, wie das achtwöchige Programm aufgebaut ist, was die Studienlage zeigt und wo die Grenzen liegen.
Die bekannteste Definition stammt von Jon Kabat-Zinn, dem Begründer von MBSR. Achtsamkeit bedeutet demnach, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne zu urteilen.
Diese Definition enthält drei Elemente:
Achtsamkeit ist damit keine Entspannungstechnik im engeren Sinn. Entspannung kann eine Folge sein, ist aber nicht das Ziel. Das Ziel ist ein klarerer, weniger automatischer Umgang mit dem, was gerade ist, auch mit Unangenehmem.
Jon Kabat-Zinn, promovierter Molekularbiologe und später Professor für Medizin, gründete 1979 an der University of Massachusetts Medical School eine Klinik zur Stressbewältigung. Sein Anliegen war es, Menschen mit chronischen Schmerzen, Stress und Krankheiten, bei denen die Schulmedizin an Grenzen kam, einen zusätzlichen Weg anzubieten. Er griff dafür auf Meditationspraktiken aus buddhistischen Traditionen zurück, löste sie aber aus ihrem religiösen Zusammenhang und übertrug sie in ein strukturiertes, weltanschaulich neutrales Gruppenprogramm.
Sein Buch „Full Catastrophe Living“ (1990), auf Deutsch „Gesund durch Meditation“, beschreibt das Programm ausführlich und gilt bis heute als Grundlagenwerk. Aus MBSR wurden später weitere Programme abgeleitet, am bekanntesten die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) zur Rückfallvorbeugung bei Depression.
MBSR folgt einem klaren, standardisierten Ablauf. An der University of Massachusetts umfasst das Programm:
Die tägliche Übungszeit ist ein wesentlicher Teil des Programms. MBSR ist kein Vortrag über Achtsamkeit, sondern ein Training, das von der eigenen Praxis lebt.
Die Wochen bauen aufeinander auf: von der Verbindung zwischen Körper und Geist über die Wahrnehmung von Stress und den eigenen Reaktionsmustern bis zum achtsamen Umgang mit schwierigen Gefühlen, mit Konflikten und schwierigen Gesprächen. Am Ende steht die Frage, wie die Praxis im Alltag dauerhaft weitergeführt werden kann.
Kabat-Zinn beschreibt in „Full Catastrophe Living“ sieben Grundhaltungen, die die Übungspraxis tragen:
Die Forschung beschreibt mehrere Mechanismen, über die Achtsamkeitstraining wirken kann. Die Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel und Kollegen haben sie 2011 in einem vielzitierten Überblick zusammengefasst:
Aus der Stressforschung ist ein weiterer Punkt wichtig: Grübeln und gedankliches Vorwegnehmen von Problemen verlängern die Stressreaktion. Achtsamkeit unterbricht diesen Kreislauf, indem sie die Aufmerksamkeit immer wieder in die Gegenwart holt.
MBSR gehört zu den am besten untersuchten psychologischen Gruppenprogrammen. Drei Ergebnisse sind besonders belastbar:
Zu einer seriösen Darstellung gehören auch die Einschränkungen:
MBSR richtet sich an Erwachsene, die besser mit Stress, Druck, Schmerzen oder Grübeln umgehen möchten. Angeboten wird es in Gesundheitseinrichtungen, in offenen Kursen und zunehmend auch in Unternehmen.
Vorsicht ist geboten bei akuten psychischen Krisen, schweren Depressionen, Psychosen, akuten Traumafolgestörungen oder Suchterkrankungen. In diesen Fällen sollte vor einem Kurs ärztlicher oder psychotherapeutischer Rat eingeholt werden. Seriöse MBSR-Lehrer führen deshalb vor Kursbeginn ein Vorgespräch.
Für Führungskräfte ist Achtsamkeit vor allem eine Fähigkeit der Selbststeuerung:
Wer tiefer einsteigen möchte, findet in einem achtwöchigen MBSR-Kurs bei einer qualifizierten Lehrkraft den strukturiertesten Weg. In Deutschland bezuschussen viele gesetzliche Krankenkassen zertifizierte Kurse zur Stressbewältigung. Ob ein bestimmter MBSR-Kurs dazugehört, lässt sich bei der eigenen Krankenkasse erfragen.
Achtsamkeit lässt sich auch im beruflichen Rahmen trainieren, etwa im Resilienztraining oder als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Wirksam ist sie dort vor allem, wenn sie nicht als Einzelmaßnahme gegen strukturelle Überlastung eingesetzt wird, sondern neben guten Arbeitsbedingungen steht. Antoniya Hasenöhrl hat selbst einen MBSR-Kurs bei der Neurowissenschaftlerin Britta Hölzel absolviert und verbindet Achtsamkeitsübungen in ihren Trainings mit Ansätzen aus der Resilienzforschung.
Achtsamkeit nach MBSR bedeutet, bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne vorschnelles Urteil wahrzunehmen, was gerade geschieht. Das achtwöchige Programm von Jon Kabat-Zinn verbindet Body-Scan, Sitzmeditation, achtsame Bewegung und Alltagspraxis. Die Forschung zeigt verlässlich, dass MBSR Stress senken und Angst sowie Depressivität verringern kann. Sie zeigt aber auch, dass die Wirkungen meist moderat sind, dass nicht jede populäre Behauptung hält und dass regelmäßiges Üben die Voraussetzung ist.
Was bedeutet MBSR? MBSR steht für Mindfulness-Based Stress Reduction, auf Deutsch Stressbewältigung durch Achtsamkeit. Das Programm wurde 1979 von Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusetts Medical School entwickelt.
Wie läuft ein MBSR-Kurs ab? Ein MBSR-Kurs umfasst acht wöchentliche Gruppentreffen von etwa zweieinhalb Stunden, einen Tag der Achtsamkeit und tägliches Üben zu Hause von etwa 45 bis 60 Minuten.
Ist die Wirkung von Achtsamkeit wissenschaftlich belegt? Ja, für mehrere Bereiche. Bei gesunden Erwachsenen senkt MBSR Stress deutlich, verglichen mit Gruppen ohne Training. Im Vergleich mit anderen aktiven Maßnahmen zeigen sich vor allem kleine Verbesserungen bei Angst, Depressivität und Schmerzen. Regelmäßige Übung ist entscheidend.
Kann Achtsamkeit schaden? In seltenen Fällen ja. Manche Menschen erleben bei intensiver Meditation verstärkte Angst oder gedrückte Stimmung. Bei akuten psychischen Krisen sollte vor einem Kurs fachlicher Rat eingeholt werden.
Über die Autorin
Antoniya Hasenöhrl
15 Jahre Führung, internationale Teams, echter Druck. Heute verbindet Antoniya Hasenöhrl dieses organisationale Wissen mit psychotherapeutischer Tiefe – für Menschen, die nicht nur an der Oberfläche etwas verändern wollen, sondern verstehen möchten, was darunter liegt. Direkt, warmherzig, mit einem Gespür für Klarheit in dem, was sich diffus anfühlt – sie begleitet Menschen und Organisationen zu innerer Klarheit, psychischer Stabilität und sozialer Wirksamkeit, als Grundlage für gesundes Führen, tragfähige Beziehungen und nachhaltige Leistung.
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