Angst gehört zu den grundlegenden menschlichen Emotionen. Sie schützt, warnt vor Gefahren und mobilisiert Kräfte, wenn wir gefordert sind. Belastend wird sie dann, wenn sie sich verselbständigt, wenn Sorgen, Anspannung und Grübeln zum Dauerzustand werden und der Körper kaum mehr zur Ruhe findet. Menschen mit ausgeprägter Sorgenneigung beschreiben häufig, dass sich die Gedanken kaum abschalten lassen. Sie kreisen um mögliche Probleme oder Katastrophen, erzeugen innere Unruhe und eine anhaltende Anspannung, oft ohne reale Bedrohung.
Was ist Angst und wann wird sie zur Belastung?
Angst ist zunächst eine normale Reaktion des Nervensystems. Das Gehirn registriert potenzielle Gefahren und aktiviert das Stresssystem: Der Herzschlag beschleunigt sich, die Atmung wird flacher, die Muskulatur spannt sich an. Nach einer Entwarnung sollte sich das System wieder beruhigen. Bleibt dieser Alarmzustand jedoch dauerhaft aktiv – etwa durch hartnäckiges Grübeln, chronischen Stress oder ungelöste Konflikte – kann er sich verselbständigen. Angst, Unruhe und anhaltende Anspannung werden zu ständigen Begleitern, obwohl objektiv keine Gefahr besteht.
Zu einem Warnsignal wird Angst dann, wenn sie beginnt, den Alltag zu bestimmen, wenn Rückzug, Erschöpfung und Überforderung zunehmen und innere Ruhe kaum noch möglich ist.
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell zeigt, warum Menschen unterschiedlich auf Belastungen reagieren. Es veranschaulicht, dass jeder ein „inneres Fass“ hat, das sich mit Stress, Sorgen, Konflikten, Schlafmangel oder Anspannung füllt. Wie schnell dieses Fass voll wird und Überforderung entsteht, ist individuell.
1. Unterschiedliche Fassgrößen
Manche Menschen haben von Natur aus ein „kleineres Fass“. Sie reagieren sensibler auf Stress und Belastungen, aufgrund ihrer Persönlichkeit, biografischer Erfahrungen oder der Funktionsweise ihres Nervensystems.
2. Belastungen füllen das Fass
Jeder Stressor füllt dieses innere Fass weiter, ob zu viele Aufgaben, Konflikte, Sorgen, Unsicherheit, Überforderung, Veränderungen oder anhaltender Druck. Bleiben Pausen und Entlastung aus, steigt der Füllstand dauerhaft an.
3. Wenn das Fass überläuft, reagiert das System mit spürbarer Überlastung. Angst, übermäßige Sorgen, Grübeln, Schlafprobleme, innere Unruhe, Rückzug oder Reizbarkeit sind typische Zeichen dafür. Der Körper schlägt Alarm – auch ohne reale Bedrohung.
4. Warum dieses Modell so hilfreich ist
Es zeigt, dass nicht die Angst selbst das Problem ist, sondern die Überlastung des gesamten Systems. Entlastung entsteht auf zwei Wegen: indem Belastungen reduziert und das „Fass“ entleert wird – etwa durch Pausen, Prioritäten, Schlaf und geklärte Konflikte und indem das Fass stabilisiert wird, zum Beispiel durch beruhigende Routinen, Atemübungen, soziale Unterstützung, Selbstfürsorge, klare Grenzen und einen achtsamen Umgang mit Sorgen. Je stabiler das Fass, desto besser lassen sich Belastungen ausgleichen.
Ein gesunder Umgang mit Sorgen: annehmen statt bekämpfen
Ein hilfreicher erster Schritt besteht darin, Angst und Sorgen nicht wegzudrücken, sondern wahrzunehmen und als innere Signale anzuerkennen. Eine innere Haltung wie „Die Angst ist da und das ist in Ordnung“ eröffnet Raum für Selbstberuhigung statt innerem Widerstand. Angst wird intensiver, wenn sie bekämpft wird. Wenn sie hingegen gesehen werden darf, verliert sie oft etwas von ihrer Wucht.
Gedanken dürfen auftauchen, ohne das Verhalten zu bestimmen. Ein Satz wie „Ich habe es registriert“ schafft Distanz und stärkt das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Gedanken entstehen automatisch – entscheidend ist der Umgang mit ihnen.
Hilfreich sind verschiedene Ideen, um das Gedankenkarussell zu stoppen. Ein bewusst gesetztes Stoppsignal kann den automatischen Grübelprozess unterbrechen – etwa indem innerlich oder laut „Stopp“ gesagt und die Bewegung mit einer abwehrenden Geste unterstützt wird. Diese kurze Intervention schafft Distanz, bevor Sorgen an Fahrt aufnehmen.
Lassen sich die Gedanken nicht stoppen, hilft oft Struktur: ein tägliches Zeitfenster von 15–20 Minuten, in dem Grübeln ausdrücklich erlaubt ist. Wichtig ist, diese Zeit nicht in den Abend zu legen, um besser abschalten zu können.
Auch der Körper spielt eine wichtige Rolle. Atemübungen beruhigen das Nervensystem direkt – etwa indem ruhig eingeatmet und bis vier gezählt, anschließend langsam und doppelt so lang bis acht ausgeatmet wird, während eine Hand unterhalb des Bauchnabels liegt. Die verlängerte Ausatmung aktiviert den Bereich des Nervensystems, der für Ruhe zuständig ist.
Eine weitere Möglichkeit ist das Umlenken der Aufmerksamkeit: Das tägliche Festhalten von drei positiven Momenten – sei es Gelungenes, Dankbarkeit oder ein eigener Beitrag – stärkt Zuversicht, Resilienz und innere Ruhe.
Schließlich kann eine kurze Wirklichkeitsprüfung helfen, Sorgen wieder einzuordnen: Handelt es sich um eine reale Gefahr oder eine Befürchtung? Wie wahrscheinlich ist das Szenario? Und würden andere Menschen diese Situation ähnlich einschätzen? Ziel ist nicht, die Angst kleinzureden, sondern sie in eine angemessene Relation zu bringen.








