Sieben Prozessphasen der Persönlichkeitsentwicklung nach Rogers
Entwicklung der Persönlichkeit. Sie umfasst die Veränderung von Verhaltensweisen, Einstellungen, Gedanken und Emotionen, die das Individuum ausmachen und ihm eine einzigartige Persönlichkeit verleihen. Die Persönlichkeitsentwicklung wird von vielen Faktoren beeinflusst, wie zum Beispiel der Erziehung, der Umgebung, den Erfahrungen und den genetischen Anlagen des Individuums. Sie ist ein lebenslanger Prozess und kann sich im Laufe der Zeit in verschiedenen Stufen und Schritten vollziehen.
Die Persönlichkeitsentwicklung ist für jeden Menschen einzigartig und hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Es gibt jedoch einige allgemeine Entwicklungsmuster und -theorien, die versuchen, die Entwicklung der Persönlichkeit zu beschreiben und zu erklären. Ein Beispiel dafür ist die Theorie der Persönlichkeitsentwicklung von Carl Rogers, die sieben Phasen der Persönlichkeitsentwicklung beschreibt.
Carl Rogers beobachtete über Jahre hinweg als Psychotherapeut die sieben Prozessphasen der Persönlichkeitsentwicklung bei seinen Kunden, die sich auf die Entwicklung „vom starren zum bewegten Ende des Kontinuums“ (S. 136, Entwicklung der Persönlichkeit, Rogers, 2020) bezieht. Eine positive Selbstwahrnehmung und eine wertschätzende, empfängliche und akzeptierende Haltung gegenüber sich selbst und anderen ist das Ergebnis. Kein Mensch befindet sich jemals nur in der einen Phase. Diese Beobachtungen und Phasen sind durch die Arbeit von Rogers mit Patienten entstanden, die ein besseres Verstehen der Entwicklung der Persönlichkeit geben können.
Die sieben Prozessphasen:
- Starrheit und Distanz: In dieser Phase möchte sich der Mensch nicht mitteilen. Es besteht sogar eine Abneigung gegen sich selbst. Alles bezieht sich nur auf Äußerlichkeiten. Probleme werden weder erkannt noch wahrgenommen. Kein Bedarf an Veränderung. Sperren gegen innere Kommunikation zwischen Selbst und Erfahrung. Schwarz-Weiß Denken, Bewegungslosigkeit und Starrheit.
- Erste Auflockerung durch Anerkennung im außen. Man beschreibt Gefühle, als ob man sie nicht selber habe, als wären es vergangene Objekte. Beispiel: Coach: „Was kann ich für Sie tun?“ Klient: „Es ist xy passiert, das Symptom war Perfektionismus.“ Nicht, „ich bin perfektionistisch veranlagt, ich darf keine Fehler machen“. Also die persönliche Konstrukte sind starr und werden für Fakten gehalten. Widersprüchliche Aussagen werden nicht als solche erkannt. „ Ich will abnehmen, brauche aber jeden Abend eine Tafel Schokolade.“
- Der Ausdruck des Selbst als ein Objekt ist flüssiger. Es ist viel die Rede von Gefühlen und persönlichen Ansichten, allerdings nicht gegenwärtig, sondern als etwas was fern von einem Selbst ist. In dieser Phase werden allerdings bereits Widersprüche in der Erfahrung erkannt. Die Selbstwirksamkeit und persönliche Entscheidungen sind nicht bewusst oder werden als unwirksam empfunden. Laut Rogers suchen viele Menschen in dieser Phase psychologische Hilfe. Sie beschreiben ihre Gefühle nicht als gegenwärtig und erforschen das Selbst als Objekt.
- Auflockerung. Hier werden intensivere Gefühle wie „jetzt nicht mehr“ beschrieben. Gefühle werden als gegenwärtige Objekte beschrieben, die Misstrauen und Furcht auslösen. Es gibt noch keine Akzeptanz der Gefühle, obwohl ein gewisses Akzeptieren gezeigt wird. Die Erfahrung ist weniger an der Vergangenheit gebunden, liegt weniger fern und tritt manchmal mit nur geringer Verzögerung ein. Hier verspüren Klienten die Besorgnis über Wiedersprüche und Ungereimtheiten zwischen Erfahrung und Selbst. Die Selbstverantwortung gegenüber Problemen fängt in dieser Phase an, sich zu entwickeln.
- Gefühle werden als gegenwärtig vorhanden, frei zum Ausdruck gebracht und sprudeln hoch, sickern durch, trotz der Angst vor Ablehnung und des Misstrauens, die der Klient verspürt, wenn er sie voll und unmittelbar erlebt. „Das kam raus und ich verstehe es nicht ganz. Ich versuche das in den Griff zu bekommen.“ Man beginnt zu erkennen, dass zum Erfahren eines Gefühls auch ein persönlicher Bezug gehört. Der Klient wird immer mehr zum Eigentümer seiner Selbstempfindungen, er verspürt immer mehr den Wunsch, diese Empfindung, das wirkliche Ich zu sein. „ Was wirklich wahr ist, dass ich nicht die nette und freundliche Frau bin, die ich vorspiele. Ich ärgere mich über Dinge. Ich spüre auch Neid und Wut und weiß nicht warum ich so tun soll, als wäre ich nicht so.“ Es besteht eine starke und offensichtliche Tendenz, Genauigkeit in der Differenzierung von Gefühlen und Ansichten zu erzielen. In dieser Phase steht man Wiedersprüchen und Ungereimtheiten zunehmend offener gegenüber. Man übernimmt stärker als in der vierten Phase die Eigenverantwortung für die Probleme und zieht in Betracht wie weit man selbst zu ihnen beigetragen hat. Die inneren Dialoge finden statt und sind im Fluss. „Mein Bewusstsein sagt mir, dass ich etwas wert bin. Aber irgendwo in mir drinnen glaube ich es nicht. Ich habe kein Vertrauen zu meiner Fähigkeit, irgendetwas zu schaffen.“ Offenes und entschiedenes In-Frage-Stellen des bisherigen persönlichen Konstruktes findet in dieser Phase statt.
- Ein Gefühl kommt zu seinem vollen Resultat und wird unmittelbar und reichhaltig erlebt und akzeptiert. Das Selbst als Objekt verschwindet mehr und mehr. Das Selbst ist in diesem Moment das Gefühl, das reflektiert ist. In dieser Phase ist eine physische Auflockerung ebenfalls zu beobachten. Die innere Kommunikation ist relativ frei und unblockiert. In dieser Phase findet Selbstliebe und Akzeptanz von sich selbst statt. Sowie eine freie Verbalisierung emotionaler Erlebnisse.
Wie Probleme körperlich empfunden und verankert werden können, untersuchte Eugene T. Gendlin im Focusing-Prozess. Diese Einbeziehung des gegenwärtigen körperlichen Erlebens konnte Gendlin als zentralen Faktor wirksamer Persönlichkeitsveränderung identifizieren.
- Neue Gefühle werden unmittelbar und in ihrer ganzen Detailfülle bewusst und achtsam erfahren. Grundsätzliches Vertrauen im eigenen Prozess. Situationen werden in ihrer Neuheit und nicht aus der Vergangenheit heraus erfahren und gedeutet. Neue Begriffe für neuartige Empfindungen sind verfügbar. Der Mensch erfährt, dass er tatsächlich die Wahl hat, auf neue Weisen zu leben. Er lebt wissentlich zu seinen Gefühlen, hat ein grundsätzliches Vertrauen zu ihnen und akzeptiert sie. Er ist sich seiner selbst bewusst, aber nicht als Objekt. Er betrachtet sich als verantwortlich für seine Probleme. Der Mensch lebt voll und ganz in sich als einem ständig sich ändernden, prozessualen Fluss.
Hier wurde der Veränderungsprozess skizziert, der stattfinden kann, unter der Annahme, dass der Mensch im Coaching oder in der Therapie, sich als anerkannt und verstanden fühlt so wie er ist. In diesem Prozess findet eine Verschiebung von Inkongruenz zu Kongruenz statt.
Ich bin davon überzeugt, dass wenn wir unbedingte Wertschätzung, Empathie und Kongruenz erfahren, wir uns selbst akzeptieren, ändern können und so ein dynamisches Selbstbild entstehen kann.
Quelle:
- Rogers, Carl R. Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta, 1973.
- (E. T. Gendlin, J. Beebe, J.Cassens, M.H. Klein, M.Oberlander: Focusing Ability in Psychotherapy, Personality and Creativity. In: J. M. Shlien (Hrsg.): Research in Psychotherapy. Band 3. American Psychological Association, Washington DC, S. 217–239.)


